Alpe Adria, ohne Hypo, mit Fahrrad

Es gibt in Europa einige sehr schöne Fahrradtouren, die man sich schon mal anschauen sollte. Eine davon ist der Alpe Adria Radweg, von Salzburg bis hinunter ans Meer nach Grado. Weil wir für die ganze Strecke nicht genug Freizeit zur Verfügung haben, aber trotzdem dem Alltag ein wenig entkommen wollen, bevor uns der Winter einholt, beschließen wir, ein wenig zu Schummeln und weiter im Süden auf die Velos zu steigen.

Der ursprüngliche Plan heißt: In Wien in den Zug einsteigen, in Villach aussteigen und in 2 Hieben runter nach Grado radeln, danach wieder im Zug nach Hause. Ich persönlich reise sehr gern im Zug, man kann essen, trinken, schlafen, die Beine ausstrecken, und so weiter. Leider ist die Zugverbindung nach Villach bissl mager, wenn man das Fahrrad mitnehmen möchte, auch von Italien aus kommt man nur schwer wieder zurück. Es gibt zwar quasi stündlich Züge mit entsprechenden Transportkapazitäten, aber zwischen Tarvisio und Villach scheint es ein Wurmloch zu geben, das die Züge nur jeweils einmal ganz in der Früh oder am Abend ausspuckt, beides ist leider nicht optimal.

Also: Mit dem Auto nach Tarvisio, auf die Radln und dann von Grado über Monfalcone nach Tarvisio und dann mim Auto heim. Ok.

Sagenhafter Beginn


Tunnelblick und Ausblicke

Steigt man in Tarvisio in den Radweg ein, ist man mit der Welt im Reinen: Der Radweg führt im Kanaltal auf der ehemaligen Zugstrecke in den Norden Italiens entlang, wo auch der Kaiser nach Triest zu fahren pflegte. Die Ausblicke sind wunderschön, die Strecke in hervorragendem Zustand, man kann sogar das Fahren im Tunnel (eine eigene Disziplin) ausgiebigst üben. Und das Beste: Die ersten 40, 50 km hat man mein persönliches Lieblingshöhenprofil: Flach bis leicht bergab. Entsprechend vergehen die ersten Stunden wie im Flug, man kann es hier ordentlich krachen lassen.

Ab und zu wirds technisch, weil man eine Straße in einem Kanal unterqueren muss, einmal muss man absteigen (außer man kann Stufen per Bunny Hop nehmen…), insgesamt ist dieser Teil des Radwegs Sinnbild fürs perfekte Radlreisen. Es gibt genug zu Sehen, genug Einkehrmöglichkeiten, die zum Beispiel in den ehemaligen Bahnhofsgebäuden untergebracht sind. Man muss so gut wie nie mim Straßenverkehr streiten, tutto bene.

Bissl ausfransender Mittelteil


Der Radweg ist zu einem sehr großen Teil so richtig angenehm zu radeln.

In der Gegend um Venzone verlassen wir das Fahrradreisetraumland und befinden uns wieder in der Realität. Der Radweg ist hier schlicht noch nicht ausgebaut, man muss ein wenig öfter auf die Straße und auch genauer schauen, wo es denn überhaupt hingeht, es ist weiterhin landschaftlich sehr schön und wenn man nicht gerade das Pech hat, von einem Busfahrer mit extrem viel Heimweh in den Straßengraben geschubst zu werden, dann ist auch in diesem Abschnitt weiterhin alles ganz ausgezeichnet.

Venzone ist ein klassisches norditalienisches Städtchen mit Kirche und Altstadt und guten Cafes bzw. Trattorias und bietet sich als Ort für die erste ausgiebige Rast an. Pasta gibts hier schließlich in rauen Mengen und die Kraftwerke brauchen Energie für die Weiterfahrt.

Schließlich findet man sich nach einigen Kilometern auf einem getrennten Radweg wieder, der mit zwei Einschränkungen wieder fast traumhaft ist: Der Straßenbelag wird teilweise ein wenig räudig bis hin zu Schotter, der durchaus auch locker sein kann. Man weiß jetzt, wieso ab und an Mountainbikes zu sehen sind, auch mit dem Cyclocross, das ja für jede Art Tour das beste Fahrrad ist (außer vielleicht für die Tour d’Insel), muss man hier ein wenig auf der Hut sein, vor allem wenns schon dumpert. Außerdem sollte man nicht allzu oft auf die Karte schauen, der Umweg, denn man im Vergleich zur Straße fährt, ist teilweise schmerzhaft groß. Dafür kommt man unter anderem durch eine Lobau mit Alpen, quasi, das machts dann wieder sehr gut.

Kurz vor Buia machen wir dann Schluss für den ersten Tag, im Bed & Breakfast sind wir angeblich die letzten Radler der Saison (es geht um die Extreme, immer!), das Zimmer ist günstig, die Pizza schmeckt, das Frühstück ist am nächsten Tag genau das, was müde Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer brauchen, um nicht mehr müde zu sein, und über den Kaffee muss man in Italien sowieso keine Worte verlieren.

Udine und der Süden vom Norden


So kann man schon mal ankommen.

Von Buia dauerts noch ein wenig bis nach Udine, man schlängelt sich auf kleinen Nebenstraßen Richtung “Großstadt”. Was ziemlich fein ist: Der Radlweg führt direkt an der Heimat des ortsansessigen Fussballclubs Udinese Calcio vorbei, und es ist schon recht witzig, so ein großes Stadion mit dem Fahrrad zu erschließen. Was auch sehr fein ist: Der Radlweg führt auch mitten durch die sehenswerte Altstadt, die die perfekte Umgebung für einen ersten Espresso-Stop ist. Die Wegbeschaffenheit ist zwar teilweise weiterhin bissl abenteuerlich, inklusive kurzer, giftiger Anstiege gefolgt von kurzen, unbefriedigenden Abfahrten (eines meiner Lieblingsprofile), und Schotter ist auch weiterhin ein ständiger Begleiter, aber: Alles richtig gemacht, Italienische Radlwegbauer.

Nach Udine wirds dann allerdings für uns mit den Unwegen ein wenig zu viel des Guten. Wenn man eine Sightseeing-Tour machen möchte, bei der die Sights aus Feldern, Wiesen, Hügeln und Strommasten bestehen, dann ist das genau das Richtige, uns wars nach ein paar Fahrkilometern dann doch ein wenig zu blöd, denn es ist nicht sooo warm, dass man da jetzt die Umgebung genießen konnte und außerdem kam von oben Wasser. Wir beschließen, dem offiziellen Radweg fürs Erste Lebe wohl zu sagen und schmeißen uns auf die Straße, die nicht allzu schlimm befahren ist und auf der man wieder ordentlich Gas geben kann. Wir wollen schließlich ans Meer.

Bis Grado gibt es noch einige Einkehrmöglichkeiten und das ein oder andere Städtchen, das man sich je nach Motivation mehr oder weniger anschauen kann. In Palmanova ärgere ich mich beim Wiederbefahren des Radwegs, dass ich doch nicht mim BMX unterwegs bin. In Cervignano essen wir Pizza, und zwar unabsichtlich in einem Bordell. Aber die Pizza ist normal billig und auch die Getränke nicht teuer und es fragt niemand, also fragen wir auch nicht, und alles schmeckt köstlich und alles ist gut.

Die letzten Kilometer nach Grado sind dann wieder richtig Bombe: Man fährt über eine dünne Landzunge, Meer links, Meer rechts, eigener Radweg, sehr fein. Wer da nicht wehmütig wird oder gut drauf ist, naja, da kann man dann wirklich kaum noch etwas machen. Wir sind jedenfalls sehr happy, aus eigener Kraft aus den Alpen ans Meer geradelt zu sein, suchen uns eine Bleibe für die Nacht (Villa Marin, 2** Hotel, geführt von einer Familie, direkt am Meer, wärmste Empfehlung!!) und genießen die Fülle an leiblichen Genüssen, die die italienische Küche zu bieten hat.

Letzte Etappe, Ausradeln, und z’Haus


Das letzt Teilstück, inklusive Wahlwerbung. Auch andere Länder haben schlechte Plakate.

Am nächsten Tag steht noch die Fahrt nach Monfalcone an, ca. 30 Kilometer und flach, perfekt, um die angestrengten Glieder noch ein wenig auszuradeln. Wir frühstücken hervorragend, verabschieden uns von den netten Hoteliers und nehmen Fahrt auf. Die Sonne scheint, der Radweg ist perfekt und der Wind ballert uns ins Gesicht. Nicht besonders stark, nur so, dass ich als 110kg Mensch bergab treten muss, um nicht stehen zu bleiben. Das Ausradeln wird also doch ein wenig anstrengender, als erhofft, und der Bahnhof in Monfalcone ist auf den einzigen Hügel weit und breit gebaut. Fies.

Die Züge kosten relativ wenig (36€ für 2 Leute + 2 Fahrräder für 140km), wir sind in unter 2 Stunden wieder beim Auto, schließen die Tour mit Pizza und Espresso ab und sind quasi im Nu wieder in Wien.

Für einen Kurztrip ist der Alpe Adria Kanal wärmstens zu empfehlen und auch die längere Variante von Salzburg aus ist sicher großartig. Man kanns mit mehr Zeit auch mit der Familie radeln, oder wenn man ganz motiviert ist von Tarvisio nach Grado in einem Schwung runterbomben. Wirklich eine feine Tour!

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