Tour de Fesch – Edition 2017

Mach ma eine Radltour? Mehrtägig? – Fix. – Auf gmiadlich, mit ein paar Leuten. – Supa. – Von Wien an den Ossiacher See. – Klingt gut. – In 2 Tagen. – Äh? – Über die Nock. – Wie? – Supa, mach ma.


5 machen sich auf den Weg

So in etwa hat die Tour de Fesch ihren Anfang genommen. Wem jetzt die Einordnung fehlt: Von Wien an den Ossiacher See sinds ganz grob geschätzt mindestens 350km, wenn man eine relativ direkte Route wählt. Den Semmering muss man in irgendeiner Form besiegen, da sammelt man die ersten Höhenmeter, danach kann man wählen, wohin die Reise geht. Man kann direkt über Friesach und an Hirt vorbei über St. Veit / Glan radeln. Man kann über Murau und die Turracherhöhe radeln. Man kann über Kleinkrems und die Nockalmstraße radeln, die wirklich wunderwunderschön ist. Aber halt auch eine Hochalpenstraße.



Aber man muss auf jeden Fall mal losfahren, und das geht so: Man packt seine 7 Sachen, sehr viel mehr als das sollte es nicht sein, irgendwo knapp bei 9 Sachen ist das Limit, man packt diese Sachen entweder in eine Satteltasche (Apidura, oder Blackburn, oder Topeak, oder Porcelain Rocket, das ist aber eher was für iPhone X – KäuferInnen), oder auf einen Rucksack (ich sag an dieser Stelle: Des is nix, aber bitte sagt es nicht den anderen), überprüft, ob das Gefährt der Wahl in technisch einwandfreiem Zustand ist (ich war wie immer mim Crosser, mit wie ich im Nachhinein festhalten möchte viel zu breiten Reifen, die anderen sind mit den Rennhobeln unterwegs) und scheißt drauf, dass gerade so ziemlich die heißeste Woche seit es Temperaturen gibt über Österreich hereinbricht.

Man radelt Richtung Süden raus aus der Stadt, auf der Suche nach dem Triestingtal-Radweg, den man nach einigen Navigationsschwierigkeiten (“Hast du net die Tour draufgspeichert?”) und ein paar Ausflügen auf Schotter (da habe ich mim Crosser noch glacht) findet und beginnt, ein wenig Meter zu machen, denn die Pace ist am Anfang wirklich nicht gut. Soll ja auch gemütlich sein, das ganze, nöm? Dabei sind wir 5 gar nicht mal so langsam unterwegs (also, ich schon, weil Hitze und Wampe und Beininsuffizienz und diverse andere Mängel es nicht anders zulassen), aber die Gruppe bleibt eine Gruppe und hilft. Das Problem sind die Pausen, denn gefühlt sind beide Bidons alle 15 Meter leer und schreien nach Billa.


Der Anfang vom Semmering

Bei manchen führt das zu ersten Unkerufen, die aber schnell verstummen, weil wir erstens dann doch nach ein paar Stunden in den Semmering reinfahren und ich zweitens an diesem Zeitpunkt den Anschluss an die Gruppe verliere, weil bergauf fahrt jeder sein Tempo und mein Tempo ist kein Tempo. Die fehlenden Trainingskilometer in dem Jahr (ich würde schätzen, so ca. 5000km mehr hätte ich schon machen können) machen sich bezahlt, der Körper dankt mir für die Idee, in dem er sich in einen Generalkrampf verabschiedet. Da können nicht mal die Magnesiumampullen helfen, die ich seit der Südgrenze von Wien regelmäßig in mich hineinleere.

Macht nichts, irgendwann ist der Semmering aus, oder zumindest glaub ich das, die anderen warten schon auf mich. “Michi, fahr am besten gleich weiter, schau, dasst im Rhythmus bleibst, wir sind noch nicht ganz oben.” Ich bleibe stehen und frage nach der Bedeutung von Rhythmus, die anderen lachen, ich lache, ich krieg einen weiteren Krampf, wir fahren weiter. Auf dem tatsächlichen Gupf muss dann zum Glück jemand anderer austreten, das hilft mir, mich zu sammeln, ich habe Gusto auf ein Bier (nicht zum ersten Mal, der Triestingtal-Radweg und die Wegerln in Richtung Semmering sind gesäumt mit schönen Pausenmöglichkeiten), aber wir sind zeitlich in Verzug und müssen Gas geben. Zum Glück gehts bergab, dementsprechend freudig reagieren wir alle auf das Fahrkommando.

Semmering gegessen, jetzt gehts flach raus

Wenn man die Abfahrt Richtung Mürzzuschlag nicht kennt: Ist supa. Ist lang. Ist schnell. Ist genau so, wie man sichs wünscht. Uns kommen Rennradler mit Fahrradtaschen entgegen, nach dem sechsten oder siebten schießt uns dann ein, dass gerade das Transcontinental unterwegs sind, diese Teufel ca. 1 Woche in den Beinen haben und gerade aus Belgien kommen und deswegen ihr Tempo schon voll ok ist.

Nach Mürzzuschlag gehts dann lange Zeit recht flach raus, das Murtal eröffnet sich und ist ein schöner Anblick, es gibt nur ein Problem: Mein Tank ist leer. Und bleibt leer, egal, was ich in ihn hineinschaufle. Ich werde regelmäßig vom Vordermann angehalten, die Lücke, die ich aufreisse, wieder zu schließen und es klappt eh auch, vor allem, weil die Vordermänner sich an meine Pace anpassen, aber irgendwann stelle ich fest: Des is nix. Geschlagen lasse ich sie ziehen, sage, dass ich in Bruck in den Zug steige und wir uns Judenburg sehen, beim Quartier. Bierstopp für mich, die anderen geben wieder Gas, schließlich ist eine zünftige Wetterfront angekündigt, in die wir genau hineinfahren.

In den Zug steige ich schließlich in Kapfenberg, meine Beine haben mich laut Strava 153,8km und 1.431 Höhenmeter weit gebracht, aber es fühlt sich wie eine Niederlage an. Es ist die längste Distanz, die ich an einem Tag gefahren bin, der Verstand sagt, es war sehr heiß und man muss auch wissen, wann es gut ist, aber naja. Das Bierchen im Zug schmeckt trotzdem. Nicht. Es gibt nämlich kein Bier. Weder am Bahnhof, noch im Zug. Katastrophe.


Kaiserwetter

Katastrophal ist auch das Wetter, es beginnt wie angekündigt zu schütten. Die Anderen sind noch fleißig unterwegs, haben zu diesem Zeitpunkt noch ca. 40 Kilometer vor sich, die aber zu 100% im Nassen. Sie haben Glück im Unglück, das Gewitter, das schließlich auch in der Nacht weiterwütet, sorgt für einige Zerstörung im Murtal.


Hilfreiche Nachrichten

Als Vorhut checke ich das Quartier, setze mich zum Eissalon gegenüber vom Hotel, höre ein Album von Eros Ramazotti (ich weiß ehrlicherweise nicht, welches, das Gute!), trinke Gösser und warte ca. 2 Stunden auf die Ankunft der Helden. Tag 1 ist auch für sie fertig, ca. 220km und 1550 Höhenmeter sind die geradelt, nass, müde, aber sehr, sehr glücklich. Es folgt ein festes Abendessen, flüssige Elektrolyte, ein Hoppala mit einer kleinen Zimmerüberflutung und ein Legwarmer, der statt zu trocken fliegen lernt.


Tag 1 der Tour de Fesch ist gegessen


Das Dachfenster zumachen du musst wenn es regnet

Tag 2, gemma!


Kaiserwetter Teil 2

Tag 2 startet mit besserem, aber immer noch mittelmäßigem Wetter. Es nieselt leicht, die Temperatur gibt nicht wirklich Gas, Teile der Gesellschaft haben sogar das Jackerl bzw. Westerl an. Das Frühstück schleppt sich ein wenig, der Kopf ist schwerer als erwartet, aber körperlich gehts uns gut. Ab auf 2 Räder und raus auf den Murtalradweg.





Kaiserwetter und seine Auswirkungen

Dieser ist sehr, sehr idyllisch, aber man braucht sehr lange, bis man ins Fahren kommt. Ständig dreht er, mal ist die Oberflächenbeschaffenheit nicht besonders rennradfreundlich, mal muss man die Zugstrecke queren und man überwindet überraschend viele Höhenmeter, weil man ständig rauf und runter fährt. Nicht so meins, und ich spüre, dass sich meine Beine nur unzureichend vom Vortag erholt haben. Schnell steht bei mir fest, dass ich nicht die Nockalmstraße fahren werde, aber das haben zu diesem Zeitpunkt die anderen auch schon abgehakt, aber ich weiß im Gegensatz zu ihnen auch, dass mich die Turracherhöhe nicht als Gast empfangen wird. Mein Plan lautet nämlich: Direkt nach St. Veit, Zug zum Ossiacher See und die Gruppe mit der besten Finisher-Pasta ihres Lebens empfange, mein Prachtkörper kommt nämlich nicht von allein, der wird erkocht.


Auf der Suche nach dem nächsten Maci

Dieser Plan hat auch den Vorteil, dass ich eine Route, die ich recht häufig mit dem Auto fahre auch mit dem Fahrrad und somit neu erschließe.


Bis Scheifling sind wir also noch gemeinsam unterwegs, am Murtalweg, dort biege ich dann ab Richtung Süden und fetze über Friesach Richtung St. Veit. Fetzen ist natürlich übertrieben, erstens muss ich mich noch über einen Sattel drüberquälen (den werde ich im Auto fahrend nicht mehr auslachen), ich mache auch einige Pausen (in Friesach, Burgen, sehr schön, in Neumarkt, eher aus nostalgischen Gründen, in Hirt, weil Brauerei, weil Bierdurst), und komme schließlich am vermeintlichen Ziel an. Aber: Es gibt keine Zugverbindung. Und da bin ich dann doch einigermaßen verdutzt. Ich sondiere meine Optionen, erwäge einen kurzen Heulkrampf, aber beschließe dann doch, die ca. 40 Kilometer doch noch zu schaffen. Alternative gibt es ja eh keine.

Die anderen sind zu diesem Zeitpunkt schon im Anstieg auf die Turracherhöhe, wir machen quasi ein Wettrennen, das unfair ist, weil sie ja viel fitter sind, als ich, aber das auch unfair ist, weil ich ja quasi flach und noch dazu kürzer fahren muss. Ich hoffe drauf, dass wir uns bei ihrer Abfahrt von der Höhe treffen, aber geht sich nicht aus.





Stellst ma das Radl schräg hi? SCHRÄG!

Am Zielort angekommen kaufe ich ein, für die Pasta, und Elektrolyte, und koche und warte. Über Whatsapp werde ich am Laufenden gehalten, werde informiert, dass die Auffahrt zur Höhe eine ziemliche Sau ist, die sich überhaupt nur sehr widerspenstig besiegen lässt, dass sich die Auffahrt wegen der Aussicht net auszahlt, dass es die Möglichkeit einer Zirbeneinkehr gäbe, aber dass die Abfahrt dafür sehr nice ist und die Zirbeneinkehr deswegen keine gute Idee ist. Die letzten Meter hin zum Ziel sind wie für mich nochmal ein Erlebnis, eine 24% Rampe stellt sich kurz zwischen die feschen Helden und Bier/Pasta, aber auch sie sind am Ziel. Bei ihnen stehen 149,3km und 1.904 Höhenmeter am Tacho, bei der Fraktion Kette Links 128,4km und 1.323 Höhenmeter. Das Abtauchen im Ossiacher See ist einfach nur sehr, sehr, sehr schön. Und die Pasta schmeckt.

Das, was zusammenfasst

Resume? Geil wars. Mit der Zeit keimt Stolz auf, bissl über 300km in 2 Tagen ist für einen Blob wie mich net nix, vor allem bei den Temperaturen. Es tun einem viele Stellen des Körpers weh, Handschuhe mit Polster, ein guter Sattel und so weiter ist enorm wichtig, das Training im Vorfeld auch, dann machts einfach noch mehr Spaß. Wenn man weiß, dass man quasi exklusiv auf Asphalt fährt, braucht man keine 38er-Reifen, Gels, Magnesium, Bananen und sonstiges Zeug ist essentiell und was wirklich wichtig ist: Jedes Klump, das man zu viel einpackt, spürt man enorm. Es ist wirklich wichtig, sich die Wetterprognose anzuschauen, auf bissl Komfort zu verzichten und sich aufs Nötigste zu reduzieren.

Ich kann Satteltaschen wärmstens empfehlen, den Rücken freizuhaben ist einfach Gold wert, und die Größe der Taschen beschränkt auch die Möglichkeiten, Unnötiges einzupacken. Vorne am Lenker sollte man meiner Ansicht nach auch ein kleines Tascherl haben, für Gels oder für eine Kamera oder fürs Handy fürs Navigieren, das stellt sich auch als praktisch heraus.


Die Belohnung

Eine 2-Tages-Tour dieser Länge ist natürlich noch nicht vergleichbar mit einer Mehrtages-Tour oder einem mehrwöchigen Monster, man kommt aber schon in einen anderen Flow, als wenn man einfach nur eine Ausfahrt macht. Die nächste Tour de Fesch ist quasi schon geplant und wir laden euch herzlichst dazu ein, mit uns mitzufahren, man lernt viel über sich selbst, man sammelt wunderschöne Erfahrungen und zumindest ich sitze genau deswegen so oft wie möglich am Rad.

Zweite Meinung (Philipp):

Wie wars? Ja, wie war die Tour de Fesch denn als “Ich bins ganz gefahren”-Fahrer? Nicht so schlimm eigentlich. Nachdem die Übernachtung in Judenburg noch geplant wurde als Mittelpunkt der Route inklusive Nock, war Tag 1 im Endeffekt wesentlich länger als Tag 2, da es ja “nur” die Variante Turracher Höhe wurde. Hat aber auch gereicht für einen ersten Versuch dieses Formats, da von uns eigentlich niemand Erfahrung mit vergleichbaren mehrtägigen Ausfahrten hatte.

Wie kams dazu? Inspiriert wurde das Ganze ursprünglich von Oliver Toman von Singi Cycling, der leider schlussendlich nicht dabei war. Das TeilnehmerInnen-Feld hat sich überhaupt zwischendurch ziemlich reduziert, von den anfänglich 11 Zusagen blieben 5 fesche Buama über, die sich aber alle schon vorab kannten, was sicher kein Nachteil war beim gegenseitig unterstützen und Mut zureden.

Was haben wir gelernt? In einer leiwanden Gruppe geht (fast) alles. Massiven Respekt an alle, die ein solches Unterfangen alleine starten. Weniger einpacken, die Hälfte allen Zeugs daheim lassen. Weniger Pausen machen, mehr am Rad essen, dafür Abends mehr Zeit zum Runterkommen haben. Das letzte Bier aus dem Automaten im Hotel nicht trinken. Ja, ich weiß, ich wollte keines teilen 😛

Machen wirs nochmal? Yes, definitiv wird es 2018 eine Neuauflage der Tour de Fesch geben. Wann und wohin ist noch nicht fix, eventuell zum gleichen Ziel über andere Wege. Oder nach Italien. Oder nach Tirol. Oder jemand hat eine ganz andere Idee. Wir halten euch am Laufenden!